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Interview mit Hanna Frey: Mit 49 Jahren ist Hanna in zweiter Ehe glücklich verheiratet, stolze Mutter von 4 Kindern und Buchautorin. Und sie ist der lebende Beweis: Es gibt Wege raus aus Gewalt und Missbrauch.

Hallo Hanna, als du 6 Jahre alt warst, entschied das Jugendamt, dass du nicht länger bei deinen Eltern bleiben konntest. Zu schlimm waren Gewalt und Missbrauch, denen du ständig ausgesetzt warst. Wie ging es weiter?

Ich lebte 2 Jahre in einem Kinderheim, dort fand ich erstmals Ruhe und Frieden. Mit fast 9 kam ich – gegen meinen Willen – in eine Pflegefamilie. Wieder erlebte ich Lieblosigkeit und Missachtung, ich gelangte an die Grenzen dessen, was ein Mensch ertragen kann. Das führte zu 2 Selbstmordversuchen, aber das Jugendamt hörte noch immer nicht was ich sagte. Mit 16 ging ich schließlich mit letzter Kraft zum Jugendamt und sagte klipp und klar: „Wenn ich nicht aus dieser Familie rauskomme, dann springe ich noch heute von der Brücke.“ Innerhalb von 2 Stunden wurde ich dann in einer neuen Pflegefamilie untergebracht.

 

Innerhalb von 2 Stunden wurde ich in einer neuen Pflegefamilie untergebracht.

Wurde deine Situation besser?

Ich war in dieser Familie willkommen und war ihr auch dankbar. Noch viel willkommener als ich war das Pflegegeld, das ich in die Haushaltskasse brachte. Als ich mit fast 19 entschied auszuziehen, war ich auch dort nicht mehr willkommen. Aber das war der Startpunkt für mein eigenes Leben! Ich wurde selber Mutter und stellte fest, wie wichtig es ist seinen Kindern Liebe und Zuneigung zu schenken. Dabei begriff ich, dass ich meine Geschichte aufarbeiten musste. Ich versuchte zu verstehen und Verständnis zu entwickeln. Je mehr ich das machte, desto mehr lernte ich auch zu verzeihen. Dieser Prozess dauerte. Lange. Aber viele Jahre später stellte ich fest, dass ich keine Traurigkeit mehr in mir hatte. An einem besonderen Tag traf ich ganz bewusst die Entscheidung, Abschied von meinem alten Leben zu nehmen. Ich schrieb viele kleine Zettel mit all den schlimmen Dingen meiner Kindheit drauf, wie zum Beispiel Wut, Gewalt, Gestank und Missbrauch. Diese Zettel legte ich in einen Karton, den ich mir extra besorgt hatte. Ich fuhr in den Wald und begrub all das. Ich habe dieses Grab nie mehr besucht. Ich habe inzwischen aber einen neuen Karton besorgt und da kommen auch Zettel rein. Heute stehen da Dinge wie Spaß und Freude mit meinen Kindern drauf.

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Ich durfte dich, deine Geschichte und dein aktuelles Leben durch unseren intensiven Austausch kennenlernen. In keiner Sekunde unseres Austausches erlebte ich dich als Opfer oder als Person, mit der man Mitleid haben müsste. Wie ist das möglich?

Weil ich dieses Opfer-Label nicht trage! Ich brauchte niemals Mut, um meine Geschichte zu erzählen, aber ich brauchte immer wieder Mut, um zu erklären, dass ich verzeihen konnte und keine Rache üben möchte! Das können ganz viele Menschen nicht verstehen. Das Leben, das ich heute lebe, ist ein sehr glückliches. Nach ganz viel harter Arbeit an mir selbst. Mein Weg war und ist es, einen Sinn in dem zu erkennen, was mir widerfahren ist. Ich wollte begreifen, warum mir das geschehen ist. Aber nicht im Sinne von: Warum gerade ich, hätte es nicht jemand anderen erwischen können? Ich wollte herausfinden, was das mit mir, meinem Lebensweg und mit dem, was ich in diese Welt bringen kann, zu tun hat.

Und konntest du es herausfinden?

Ja, ich habe meine Antwort gefunden. Mir ist all das Schlimme widerfahren, weil ich die Kraft in mir trage, dieses Schicksal zu überwinden. Und weil ich mit meinen Erfahrungen vielen Menschen helfen kann, die da noch drinnen stecken. Oder Ähnliches als Kind erlebt haben. Das ist mein Lebensweg und mein Ziel. Aus meinen schlimmen Erfahrungen erwächst etwas, das für ganz viele Menschen sehr viel Gutes bringt. Das bringt auch mir dann wieder Gutes und so ist es ein Geben und Nehmen.

Und auf diesem Weg hast du schon Einiges geschafft!

Ja, 2016 habe ich mein Buch „Es konnte mich nicht zerstören“ veröffentlicht. Ich halte Lesungen zu meinem Buch. Das läuft aber nicht so ab, dass ich einfach vorlese. Ich erzähle und schaffe Verständnis dafür, in welcher Situation man sich als Heimkind, als Pflegekind, als Mensch, der missbraucht wird oder Gewalt ausgesetzt ist, befindet. Ich habe zum Beispiel auch einen Workshop mit Jugendlichen gemacht, die jetzt im Heim leben – so wie ich damals. Ich bin ja eine von ihnen. Ich wurde vorab darüber informiert, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Jugendlichen nicht so hoch sei. Aber dem war dann überhaupt nicht so. Wir verbrachten einen ganzen Vormittag miteinander und sie waren aufmerksam und wirklich bei der Sache. Ich kann den Menschen etwas geben, was eine klassische Therapie nicht abdecken kann: Ich zeige durch meinen Lebensweg, dass es wirklich möglich ist, rauszukommen! Bitte nicht falsch verstehen, ich bin wie gesagt ganz entschieden dafür, die Dinge aufzuarbeiten. Ich weiß aus Erfahrung, dass es ohne intensive Arbeit nicht funktioniert. Ich bin für gute therapeutische Maßnahmen. Wie auch immer diese im individuellen Fall dann aussehen mögen. Ich bin dafür kein Ersatz. Ich bin etwas Anderes für betroffene Personen: Ich bin der lebendige Beweis, dass es machbar ist. Und das ist einfach ein unschlagbares Argument. Ich kann sagen: „Hey, wenn ich es geschafft habe, dann könnt ihr es auch!“

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Du bist eine lebendige Mutmacherin! Ich würde gerne noch einmal auf die Opferrolle zurückkommen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass eine gewisse Art von Stigmatisierung für manche Menschen, die mit jemanden wie dir in Kontakt kommen, ganz bequem ist. Es ist ihnen wahrscheinlich nicht bewusst, aber irgendwie betrachten sie einen doch ein bisschen von oben herab, so im Sinne von „Ach die Arme, ja klar, wenn man aus solchen Verhältnissen kommt…“ Kennst du solche Erfahrungen?

Ja! Ich habe schon öfters erlebt, dass Menschen nach meinen Lesungen zu mir sagen: „Du tust mir so leid. Es ist so schlimm, dass dir so etwas passiert ist!“ Ich sage dann: „Du, das will ich gar nicht. Ich brauche dir nicht leid zu tun. Aber wenn du mir etwas Positives geben willst, dann unterstütz mich einfach bei meinem Anliegen!“ Soweit geht das Mitgefühl dann aber meistens doch nicht. Ich denke, solche Menschen begreifen nicht, dass ich längst vom Opfer zur Gestalterin geworden bin. Ich gestalte mein Leben jeden Tag auf’s Neue. Nach meinen persönlichen Werten und nach dem, was ich wichtig und richtig finde. Ich bin längst nicht mehr ausgeliefert. Im Gegenteil, ich habe die Kraft und die Fähigkeiten entwickelt, anderen dabei zu helfen, aus so einer Situation rauszukommen! Solange man in der Opferrolle ist, funktioniert das ja nicht. Man kann nicht gleichzeitig arm und selbstbestimmt sein.

Ist das auch eine Botschaft von dir? Dass man aktiv aus der Opferrolle rauskommen muss?

Ja. Und das ist nicht leicht. Vor allem, weil man es selber wirklich wollen muss, weil man viel Kraft braucht, um diesen Weg zu gehen. Es ist scheinbar leichter, die Dinge wegzuschieben und zu versuchen, nicht mehr daran zu denken. Aber das funktioniert nicht, dann holt einen die Vergangenheit ein. Hinschauen und aufarbeiten tut weh. Aber daran führt kein Weg vorbei, wenn man frei werden will. Ohne zu verzeihen, kann man meiner Meinung nach nicht frei werden. Man bleibt gefangen, solange man den Täter und die Taten stets lebendig hält. Vor dem Verzeihen liegt allerdings ein langer, intensiver Weg. Ab einem gewissen Punkt ist die Opferrolle bequemer, leichter als dieser Weg. Und dann kommt eben die andere Seite dazu: Dass einem diese Opferrolle ja auch immer wieder angeboten wird. Es erfordert Mut und Kraft, diese Rolle nicht zu nehmen, ihr nicht zu entsprechen.

Gibt es noch etwas, das du unseren LeserInnen mitgeben willst?

Egal was passiert ist, es gibt einen Weg raus! Es mag Kraft, es mag Zeit, es mag Mut kosten – aber ihr müsst nicht in einer stigmatisierten Rolle stecken bleiben. Ihr könnt mit euren Lebensgeschichten zeigen, dass man aus der Schublade rauskommen kann. Und genau das erlebe ich als meine Verantwortung: Durch mein Leben zeigen, dass es möglich ist!

Danke Hanna für diesen berührenden Austausch. Ich konnte durch dich viele neue Erkenntnisse erlangen!

2 Kommentare

  1. Avatar Hanna Frey sagt:

    Liebe Renate, ganz herzlichen Dank für das schöne Interview. Möge es viele Menschen erreichen und ihnen Mut machen sich und ihre eigene Geschichte anzunehmen und diese in eine positive Richtung zu lenken. Ganz liebe Grüße, Hanna 🙂

  2. Avatar BeateBeate sagt:

    Liebe Hanna,
    schon lange bewundere ich deine Offenheit und deine Ruhe, mit der du andere an deiner Geschichte teilhaben lässt. Ich bin sicher, dass du damit nicht nur deine eigenen Verletzungen geheilt hast, sondern auch von Gewalt und Missbrauch Betroffenen hilfst, zu ihrem unverletzbaren Kern Zugang zu finden. Vielen Dank!

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