The sweet taste of authenticity

Master your destiny
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Mutig unterwegs
7. März 2019

Hallo Herr Zotter, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen! Ihr Ideenfriedhof hat mich sehr beeindruckt. (Anmerkung: Hier gibt es unter anderem Grabsteine für Schokoladensorten, die nicht mehr produziert werden.) Sie gehen generell völlig offen mit Rückschlägen um. Woher nehmen Sie Ihren Mut zu dieser Aufrichtigkeit und Authentizität?

Meine Karriere läuft ja schon länger (lächelt verschmitzt) und sie ist nicht immer so eben dahingerannt wie jetzt. In meiner Jugend war mir alles zu eng hier. Mit 16 war ich voller Rebellion und bin weg. Ich habe insgesamt fünf Berufe erlernt. Und wie es das Leben so wollte, habe ich sehr schnell Karriere gemacht. Ich war schon mit 21 Jahren Küchenchef in einem 5-Sterne-Hotel. Das ist ja völlig außergewöhnlich in diesem Bereich. Ich hab‘ halt auch Glück gehabt, aber ich hab mir gedacht ich bin ein Superwuzzi.

Ich bin nach Amerika und für mich war klar, das Leben ist echt genial! Ich hatte alle Annehmlichkeiten. Geld, Reisen, toller Job. Dann habe ich geheiratet und wir haben uns mit einer Konditorei selbständig gemacht. Das war schwierig am Anfang, wir mussten ja wieder ganz von vorne beginnen. Aber dann haben wir unsere Zielgruppe gefunden – junge Leute – und wieder waren wir sehr bald sehr erfolgreich.

Sie waren auch damals schon echt innovativ, Sie haben die „Hanfschnitte“ erfunden!

Ja (lacht)! Das war damal nicht nur lustig für mich, plötzlich war die Polizei da und hat alles durchsucht und ausgeleuchtet wegen dem Hanf, ein enormer Medienrummel folgte. Im Nachhinein betrachtet war das natürlich super. Wir haben expandiert, hatten schnell vier Filialen, aber plötzlich hatten wir ein echtes Problem. Wir waren pleite! Das war wie eine Krebsdiagnose. Diese Erkenntnis, du kannst den Betrieb nicht retten, das kannst du nicht schaffen, egal wie viel du hacklst. Ich hatte damals schon diesen hohen Qualitätsanspruch. Ich dachte mir, wenn es mich nicht so geben kann, wie ich es richtig finde, dann braucht es mich gar nicht zu geben.

Das war damals nicht nur lustig für mich, plötzlich war die Polizei da und hat alles durchsucht und ausgeleuchtet...

Was haben Sie getan, als diese Krise über Sie hereingebrochen ist?

Ich bin ein sehr entscheidungsfreudiger Mensch. Ich habe mich dafür entschieden, nicht einfach abzuwarten, zu warten bis es schlimmer und schlimmer wird oder sonst was, sondern aktiv an die Sache heranzugehen. Ich habe mir einen Profi geholt, der hat sich unseren Betrieb angesehen. Dann wurde klar, der beste Weg war jener zum Konkursrichter. Ab dem Moment dieser Entscheidung war es nicht mehr so schlimm.

Einen Konkurs kann man nicht lange verbergen…

Nein! Vor allem nicht, wenn in der Kronenzeitung die Schlagzeile steht: „Nobelkonditor Zotter im Konkurs“ Den Tag werd‘ ich nie vergessen. Da war mir endgültig klar, da brauch ich nicht versuchen, irgendwas zu verstecken. Und dann war ich bald darauf bei Claudia Stöckl in der Ö3-Radio-Sendung „Frühstück bei mir“. Da hab‘ ich mir vorher gedacht, sie wird sicher wegen der Pleite fragen, was soll ich da sagen? Ich bin dann komplett offen damit umgegangen. Die Claudia hat mir später gesagt, dass das eines der aller erfolgreichsten und meistgehörten Interviews war! Die Leute waren so dankbar, dass endlich einmal einer offen über das Thema spricht. Ich habe danach sehr viele Briefe bekommen, die Leute haben sich bedankt. Einer war besonders berührend, von einer selbständigen Fotografin, die alleinerziehende Mutter einer Tochter war und auch pleite. Sie wollte an jenem Sonntag mit ihrer Tochter Suizid begehen und hat das Interview mit mir gehört. Das war für sie ausschlaggebend, es nicht zu tun (man merkt wie sehr Herr Zotter noch immer von dieser Begebenheit berührt ist, er hält kurz inne um sich zu sammeln).

Was können Sie Menschen mitgeben, die gerade gescheitert sind und zusätzlich noch mit Schamgefühlen und Isolation kämpfen?

Scheitern ist blöd und nicht lustig. Aber den Anderen geht es auch so. Das darf man nicht vergessen. Die meisten leben am Limit, sind überschuldet! Sie haben die rote Grenze vielleicht noch nicht erreicht, aber es könnte bei ihnen auch leicht kippen. Ich habe erkannt, dass es Selbstschutz ist von den Leuten, wenn sie blöd reden. „Den Zotter hat’s erwischt!“ Sowas sagen sie, wenn sie froh sind, dass sie es selbst noch nicht erwischt hat. Da ist es entlastend, beim Andern hinzuschauen und die eigene brenzlige Situation für einen Moment zu vergessen.

Sie haben dann mit der Schokolade weiter gemacht, dabei war es alles andere als sicher, dass es klappen würde!

Was soll ich sagen, ein bisserl war das schon so, als ob man wieder auf’s Motorrad steigt, obwohl man gerade bei einem Motorradunfall ein Bein verloren hat. Aber ich habe eine Eigenschaft, die mir unglaublich nützt: Ich kann unangenehme Dinge sehr gut abschütteln. Ich vergesse sie einfach wieder. Vielleicht, weil ich mich dem Neuen immer sehr schnell zuwende. Ich kann mich begeistern.

Ist das ein Schutz gegen Angst?

Ja, vielleicht. Man muss sich freispielen, man muss damit leben, dass das Leben so ist, wie es ist. Ok, mir ist etwas Blödes passiert, aber einem Anderen auch. Wenn du Fischen gehst und glaubst jedes Mal, wenn du die Angel auswirfst, hängt ein Fisch dran, dann bist du auch nicht von dieser Welt. Manchmal hängt ein Fisch dran, manchmal nicht. Ich hänge meine Angel jedenfalls aus und manchmal hängt dann auch ein Fisch dran. Und da häng ich mich dann dran! (lächelt mit blitzenden Augen)

Wie gehen Sie mit Risiko um?

Auto fahren ist riskant. Im Unternehmerischen ist es weit nicht so riskant. Was ist schon mein Risiko? Dass die Leute sagen: „Jetzt spinnt der Zotter wirklich!“ Ich sag‘: Frag niemals den Markt was er will, sondern mach das, was dir wichtig ist und was dir gut tut! Weil vielleicht tut es ja auch den Anderen gut. Und wenn es ihnen doch nicht gefällt, dann ist mein Risiko minimiert, denn für mich passt es ja trotzdem!

Ich trage zwei verschiedene Schuhe, die Leute haben deshalb oft einen richtigen Schock. Ich hör‘ oft, wenn Besucher miteinander flüstern: „Schau, der Zotter hat echt zwei verschiedene Schuhe an!“ Ich sag‘ ihnen dann einfach, dass mir das taugt und in dem Moment freuen sie sich. Dann finden sie es lässig. Es ist mir keiner böse deshalb. In dem Moment, wo du zu etwas stehst und etwas machst, ist es schon geschehen. Und es ist nix Schlimmes passiert!

Sie sind ein unglaublich tatkräftiger Mensch. Was ist ihr Geheimnis oder ihr Rat?

Zuerst muss man sich selbst gern‘ haben! Damit fängt alles an. Man muss mit sich selbst im Reinen sein – der Neid, das ist der Teufel. Jeder ist etwas Besonderes, jeder hat Talente! Die Menschen sollten ausbrechen, sie selbst sein. Nicht versuchen, wie einer aus einer Serie zu werden. Ich glaub‘ das viele Fernsehen, das Serien-Konsumieren ist nicht gut. Da bekommen die Menschen Wünsche, die nicht ihre eigenen sind.

Die Leute hauen zu wenig auf den Tisch. Die Schädel soll man sich nicht einschlagen, das ist schon klar. Aber auf den Tisch hauen und sagen was man nicht will, Frust ablassen, das ist wichtig. Aber dann muss es auch vorbei sein. Dann muss man etwas machen. Man kann entweder sinnieren und jammern oder sich zusammenreißen und herausfinden, was man will. Und wenn es nur ist für zwei Tage nach Venedig zu reisen. Das ist vielleicht nichts Großes, aber tun muss man es trotzdem noch! Ziele setzen, die erreichbar sind, das ist wichtig. Echte Ziele zu haben, darum geht es. Ob die Villa in St. Tropez und das schnelle Auto echte Ziele sein können – na, ich weiß nicht…

„Die Maximierung der Menschlichkeit ist wohl der größte Gewinn.“ Das ist ihr Motto?

(Plötzlich entsteht ein ruhiger Moment und der sonst vor Themen, Ideen und Energie sprühende Herr Zotter hält inne, sein Blick wird sanfter und völlig offen. Seine Stimme klingt fast ein wenig überrascht, als er antwortet.)

Ja, was soll es denn sonst sein?

Danke Herr Zotter für dieses höchst lebendige Gespräch voller spannender Einblicke in eine zutiefst menschliche Erfolgsgeschichte!

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