Mutig unterwegs

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Foto: Jürgen Troesken

Hallo Esther, du setzt dich für die Initiative „Mut-Tour“ ein – diese hat die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen zum Ziel. Wie kam es zu deinem Engagement?

Vor einigen Jahren erkrankte ich an einer Depression, ich war längere Zeit schwer krank. Mir wurde bald klar, dass die Depression nicht einfach nach ein paar Tagen wie ein Schnupfen weg sein würde. Ich wollte keine Geschichten erfinden, warum ich nicht arbeiten kann, ich wollte mein Umfeld nicht anlügen, ich wollte mich nicht verstellen müssen. Daher sagte ich mir: Wenn du die Wahrheit sagst, dann mach es gleich zu Beginn! Ich ging dabei Schritt für Schritt vor und überlegte mir, wem ich wieviel Information geben wollte.

Wie waren die Reaktionen?

Sehr unterschiedlich. Manche Menschen konnten besser damit umgehen, manche schlechter. Viele Personen waren sehr verunsichert. Die wussten dann oft gar nicht, wie sie mit mir reden sollten, obwohl sie mich schon lange kannten. Da gibt es einfach Berührungsängste, wenn jemand psychisch erkrankt ist. Mir wurde bewusst, wieviel Unklarheit und Unsicherheit diesbezüglich noch immer herrscht. Viele Leute wissen gar nicht, was eine Depression ist, was das bedeutet, was dabei hilfreich ist und was nicht.

Was hat diese Erkenntnis in dir ausgelöst?

Zur Depression stehen und offen darüber sprechen – mir wurde klar, dass ich das kann. So kann ich zu mehr Verständnis und einem hilfreichen Umgang mit der Depression beitragen. Da ich diese Fähigkeit habe, wollte ich das auch stellvertretend für jene machen, die es nicht können. Für viele Menschen ist das sehr schwer, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen, und ich kann auch das gut nachvollziehen.

Mut-Tour Schweiz

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Hast du Mut gebraucht, bevor du dich erstmals vor anderen offen zur Depression bekannt hast?

Für mich war das nicht so schwer. Ich hätte nicht eingesehen, warum ich mich dafür schämen sollte. Es schämt sich ja auch niemand, wenn er sich das Bein bricht oder sonst eine körperliche Erkrankung hat. Eine Depression kann jeden treffen. Leider glauben viele Menschen noch immer, dass jemand, der depressiv ist, etwas falsch gemacht hat, etwas verbockt hat im Leben. Auch die Betroffenen haben oft das Gefühl, sie hätten ihr Leben nicht im Griff, sie hätten es irgendwie nicht geschafft.

Ich finde es auf sehr positive Weise außergewöhnlich, dass du von Anfang an ohne diese Scham- und Schuldgefühle an das Thema Depression herangegangen bist. Warum warst du nie in dieser Falle?

Weil ich wusste, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen alles für meine Gesundheit getan hatte. Eine Depression entsteht ja nicht von heute auf morgen. Ich wusste, ich habe in der Zeit davor auf mich geachtet und alles probiert – ich bin nicht Schuld daran, dass trotzdem eine Depression entstanden ist. Mit meinem Zugang kann ich wirklich für andere hilfreich und ein Vorbild sein.

Wie bist du zur Mut-Tour gekommen?

Ich hatte mich bereits in der Schweiz regional im Bündnis gegen Depression engagiert und bin dann im Internet 2016 auf die Mut-Tour gestoßen. Ich fuhr zu einem Treffen nach Deutschland und das war toll. Ich wurde Teil eines Tandem-Fahrrad-Teams, wir fuhren in zehn Tagen von Nürnberg nach Berlin. Das war ein wunderschönes Erlebnis. Bei diesen Touren sind immer auch Aktionstage mit örtlichen Partnern und Pressetermine am Programm. Wenn man so in einem Sechserteam mit drei vollbepackten Tandems in eine Ortschaft einfährt, da erregt man viel Aufmerksamkeit und kommt mit vielen Menschen ins Gespräch und genau so soll es sein!

Warum habt ihr so viel Gepäck auf den Rädern?

Wir versorgen uns während der Tour selbst. Wir kochen mit Campingausrüstung und die Schlafplätze sind nicht vororganisiert. Das heißt, dass wir jeden Nachmittag Ausschau halten und jeweils Einheimische fragen, ob wir unser Zelt aufschlage dürfen, z. B. auf einer Wiese oder an einem Waldrand. Das ist eine abenteuerliche Art unterwegs zu sein!

Auf alle Fälle! Ist dir das so leicht gefallen?

Also dafür habe ich schon Mut gebraucht! Vor der Öffentlichkeitsarbeit hatte ich keine Angst – das hatte ich ja schon in der Schweiz gemacht. Aber ich war mir nicht so sicher, ob ich diese zehn Tage schaffe, jeden Tag ca. 55 -60km am Rad, im Zelt schlafen, nur das Nötigste dabei haben… Ja, das Packen im Vorfeld war eine richtige Herausforderung. Beim Vorbereitungstreff konnte ich auch nicht alle Leute aus meiner Gruppe kennen lernen, da war ich natürlich auch gespannt: Wen treffe ich da? Wie funktionieren wir als Team?

Wir kochen mit Campingausrüstung und die Schlafplätze sind nicht vororganisiert.

Hat sich dein Mut ausgezahlt?

Auf alle Fälle! Das Interesse das man weckt, die vielen Begegnungen, die Gespräche – man erlebt die volle Bandbreite. Viele Menschen finden es richtig toll, was wir machen, wollen mehr erfahren und unterstützen uns spontan mit einem Outdoorplatz zum Schlafen, mit der Möglichkeit zu duschen, oder einer Jause. Man erlebt aber auch Desinteresse oder eben auch Menschen, die ganz falsche Vorstellungen zum Thema Depression haben. Auch die Erlebnisse in der Gruppe sind einfach etwas Besonderes – jeder bringt ein, was er kann, man hilft sich gegenseitig und bewirkt dabei etwas für eine gute Sache.

Inzwischen hast du die Mut-Tour sogar in die Schweiz gebracht!

Ja! Ich habe mit der Arbeit 2017 begonnen, 2018 gab es erstmals eine Mut-Tour-Wanderung in der Schweiz. Heuer werden wir sowohl eine Wanderung als auch eine Fahrrad-Tandem-Tour auf die Beine stellen.

Gratuliere! Hut ab vor so viel Einsatz und Kraft! Gibt es noch etwas das du unseren Lesern gerne sagen möchtest?

Leben mit Depression ist nicht immer einfach, aber es gibt Hoffnung und es gibt Hilfe. Diese Hilfe sollte jeder, der Betroffen ist, unbedingt in Anspruch nehmen, auch Angehörige!

 
Es gibt Hoffnung und es gibt Hilfe!

Vielen Dank liebe Esther für das Teilen deiner Erfahrungen und vor allem für deinen Einsatz! Ich finde es sehr inspirierend zu sehen, was du und deine Kollegen von Mut-Tour auf die Beine stellt - einfach um anderen zu helfen! DANKE

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