Eine Geschichte von Leidenschaft & Verantwortung

Mutig unterwegs
7. März 2019
Achtung! Perry sieht ganz harmlos aus…
14. April 2019
Thomas Zelenka Stadtimker

Hallo Thomas, du bist erfolgreicher, innovativer Imker und das mitten in Wien! Das war bestimmt nicht dein Einstieg ins Berufsleben, oder?

Nein, überhaupt nicht. Bevor ich Imker wurde, war ich in einem ganz anderen Bereich tätig. Ich war gemeinsam mit zwei Partnern äußerst erfolgreich im Bereich Tourismus. Wir betrieben ein Reisebüro inklusive Eventagentur und waren in Wien Marktführer. Nach einigen Jahren stand eine Veränderung an. Ich wusste jedoch nicht, ob ich meine eigene Agentur gründen, oder etwas komplett Anderes machen wollte. Was dieses „komplett Andere“ sein könnte, war mir außerdem zu diesem Zeitpunkt völlig unklar.

Dann habe ich ein Coaching gemacht. Es ging darum, erstmal frei von Denkverboten an die Fragestellung heranzugehen. Mein Coach hat mich sehr genau beobachtet. Immer wenn er bei mir Begeisterung gespürt, Leidenschaft in meinen Augen gesehen hat, führte er mich geschickt weiter. Am Ende des Coachings war das Resultat ein Blatt auf dem stand: „Etwas Anderes“. Ich war erstmal recht konsterniert – das sollte jetzt die Lösung sein? Ich wusste ja noch immer nicht, was ich machen sollte. Aber mein Coach beruhigte mich – es gab Methoden, um diesem „Anderen“ auf die Spur zu kommen. Ich erhielt die Aufgabe, mir immer wieder kurze Auszeiten zu nehmen, z. B. Spaziergänge zu machen und dabei einfach zu sein. Ich sollte den Prozess, den wir begonnen hatten, weiterfließen lassen, gar nicht so sehr rational und planmäßig darüber nachdenken. Was auftauchen würde, sollte ich nicht gleich verwerfen… Und wirklich: nach drei paar Monaten machte es plötzlich Plopp und es war da: BIENEN!

Bienen

Bienen!

"Etwas Anderes" - das sollte jetzt die Lösung sein?

Unglaublich! Wie ging’s weiter?

Ich hab‘ mich vor den Computer gesetzt und bis um zwei Uhr morgens alles über Bienen gelesen, das ich finden ich konnte. Dann war mir klar: Ich möchte Imker werden! In der folgenden Zeit habe ich hunderte YouTube-Videos zum Thema angesehen, Fachbücher verschlungen und eine Unmenge an Artikeln gelesen. Ich bin so richtig eingetaucht. Aus Interesse wurde Faszination und aus Faszination Leidenschaft. Ich führte eine umfassende Recherche durch: Wie wird man Imker? Wie sieht die Ausbildung aus, wie der Markt? Kann man davon leben? Mir wurde klar: Neben meinem 60-stündigen Berufsalltag kann ich das nicht lernen. Ich stieg aus der Agentur aus und suchte mir einen Job im Angestelltenverhältnis. Das Thema passte bereits gut in die neue Richtung: Ich war bei Allstoff-Recycling-Austria (ARA) tätig, es ging dabei viel um Nachhaltigkeit. Dieser Zwischenschritt sollte noch eine wichtige Rolle spielen.

Wie spannend - bitte erzähl weiter!

Bei ARA war ich Key-Account-Manager für unsere Großkunden, es handelt sich dabei um richtig große Konzerne. Dabei ist der Aufbau einer guten Beziehung und deren Pflege sehr wichtig und wahrhaftig nicht einfach – schließlich handelt es sich bei den Ansprechpartnern um Topmanager und Vorstandsmitglieder, die oftmals schwer zu erreichen sind. Aber für mich war es von Anfang an einfach! Denn die Bienen erwiesen sich als das perfekte Thema, um mit meinen Kunden in Kontakt zu bleiben und gute Beziehungen aufzubauen. Alle wollten mit mir über die Bienen reden, die Leute hatten richtig Freude daran! Zu dem Zeitpunkt war ich bereits Hobbyimker. Ich schenkte den Geschäftspartnern dann jedes Mal ein Glas von meinem selbst produzierten Honig. Bis ich selbst nichts mehr von meinem eigenen Honig hatte, weil ich alles verschenkte. Darüber sprach ich mit meinem Chef. Der wollte natürlich nicht, dass ich selbst leer ausging und war gleichzeitig komplett begeistert von diesem Kundengeschenk. Ab diesem Zeitpunkt kaufte er mir meinen Honig ab, um ihn als Kundengeschenk für die ARA zu verwenden. Auch die Kunden begannen zu fragen, ob sie mir nicht Honig abkaufen könnten...

Wie bist du vom Hobbyimker zum Meister geworden?

Parallel zu meinem Job begann ich die Lehre und besuchte die Landwirtschaftsschule. Das war sehr intensiv, es dauert drei Jahre, bis du den Abschluss als Facharbeiter hast und danach nochmal drei Jahre, bis du Imkermeister bist. Das war wirklich nicht ohne. Aus meinen anfänglich zehn Bienenstöcken waren rasch 30 und bald darauf 50 geworden. Da war die Grenze dessen, was ich hobbymäßig neben meinem 40-Stunden-Fulltimejob machen konnte, bald erreicht. Ich suchte einen Job auf Teilzeitbasis. Früher war ich selbständiger Geschäftsführer gewesen, danach Key-Account-Manager, stets mit hohem Einkommen. Nun arbeitete ich als Sekretär. Aber mein Traum von den Bienen war mir diese neue Veränderung wert. Nach zwei Jahren war wieder die Grenze dessen erreicht, was ich nebenberuflich auf die Beine stellen konnte. Ich erhielt eine staatliche Förderung und wagte den Sprung in die komplette Selbständigkeit als Imker.

Lebst du heute deinen Traum?

JA! Das spüren die Menschen auch, ich glaube das ist ein Teil meines Erfolgs. Was ich mache, ist authentisch, es entspricht meiner Überzeugung. Und meine Faszination und Begeisterung springen auf die Kunden über, vielleicht habe ich sogar ein wenig Vorbildwirkung für manche. Denn ein gewisser Grad an Verrücktheit gehört schon dazu, wenn man heute nicht nach Karriere und Reichtum strebt.

Was waren für dich Hürden, bevor es soweit war?

Zum Einen die Finanzen, schließlich ist Imkerei kein Beruf, von dem man leicht leben kann. Ich musste herausfinden, ob das mit meinem Konzept möglich war. Zum Anderen die Ausbildung und das Können – es war wirklich ein langer Weg.

Du bekommst viele positive Reaktionen?

Ja, das ist eigentlich unglaublich. Das kann man fast nicht erzählen, aber auf Cocktailpartys wurde ich sogar schon als Held bezeichnet. Irgendwann kommt ja immer die Frage: „Und was machen Sie beruflich?“ Wenn ich dann erzähle, dass ich Imker bin, bin ich die Attraktion des Abends! Ich bin am Land aufgewachsen, mein Großvater und mein Onkel hatten Bienen. Aber damals war der Imker nicht der coole Typ in den Augen der Leute. Das war halt der alte harmlose Mann, lieb aber hauptsächlich schrullig und eigenbrötlerisch.

Unternehmertum erfordert immer auch Mut, bei deinem unkonventionellen Betrieb ja besonders schließlich gibt es stets Risiken. Was würdest du Personen raten, die gerade dabei sind zu entscheiden, ob sie ihr Hobby zum Beruf machen sollen?

Man muss seine Hausaufgaben machen und darf keine Phantastereien betreiben! Du musst die relevanten Gesetze verstehen, du musst den Markt analysieren, sehr realistisch planen und vorsichtig kalkulieren. Du brauchst einen finanziellen Puffer, denn es gibt immer Unvorhergesehenes. Ich hatte z. B. 2018 aufgrund der großen Hitze nur halb so viel Honig wie sonst. Außerdem ist es wichtig, sein Fach zu verstehen. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Hobby betreibe oder auf einem Gebiet Meisterschaft erlangen muss. Man braucht ordentliche Grundlagen. Außerdem geht es nicht ohne gute Planung, gute Organisation und Selbstorganisation.

Glaubst du, dass sich viele Menschen den Sprung, den du gewagt hast, zu einfach vorstellen?

Ich bekomme fast jede Woche Anfragen von Jemandem, der total begeistert ist, mich begleiten möchte und auch Imker werden will. Aber sowas lernt man nicht in ein paar Tagen. Es dauert Jahre, das Fachwissen aufzubauen und noch viel, viel länger, um Bienenvölker wirklich (halbwegs) zu verstehen. Ein Bienenvolk ist ein komplexer, lebender Organismus und Bienen können sich nicht wirklich wehren, wenn der Imker nicht die richtigen Bedingungen für sie schafft. Sie können nicht schreien, aber sie leiden sehr wohl und werden anfällig für Krankheiten. Wer Imkerei betreiben will, muss begreifen, dass es nicht um Faszination alleine geht – man trägt dabei echte Verantwortung.

Was kannst du unseren Lesern noch mitgeben?

Erfolg ist harte Arbeit, man muss ihn sich verdienen, es wird einem nichts geschenkt. Aber wenn man den Mut besitzt, herauszufinden, was einem wirklich entspricht und statt mit Phantastereien mit Fleiß und Geduld an die Sache herangeht, dann stellt er sich Schritt für Schritt ein.

Danke Thomas für diese wertvollen Einblicke in deine faszinierende, außergewöhnliche Geschichte! Ich bin beeindruckt, von deiner Ausdauer und Bodenhaftung! Danke!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.